Heute: Andenk-Milonga für Hans-Bertel Kutzner im Tango Salon Stuttgart

Hans-Bertel Kutzner – über Vertrauen, über Höhen und Tiefen und die Kunst, die Lebensfreude zu bewahren

Hans-Bertel Kutzner.

Ein vielleicht etwas holpriger Name – und doch ein Name, der für so vieles stand: für Eleganz, Genuss, Lebenslust und die besondere Fähigkeit, jeden Tag etwas zu finden, das es zu feiern gab. Am besten mit ein bisschen Sekt, gemeinsamem Anstoßen und ein paar wunderschönen Tänzen.

Hans-Bertl selbst legte großen Wert auf seinen Namen. Ihm war wichtig, dass die Menschen ihn im Gedächtnis behalten. Selbst in Argentinien konnte man viele Menschen nach ihm fragen. Sogar die Bedienungen haben sich bemüht, seinen Namen perfekt auszusprechen.

Das passte zu ihm: Hans-Bertl kannte seinen eigenen Wert und wusste sich selbst wertzuschätzen. Und vielleicht war ihm gerade deshalb wichtig, dass auch sein Name im Gedächtnis der Menschen bleibt.

Wer ihn kannte, erinnert sich wahrscheinlich an sein Schmunzeln und an dieses besondere Funkeln in seinen Augen.

Auch in schwierigen Situationen zeigte sich eine besondere Seite von ihm. Wenn es Spannungen oder Konflikte gab, entschied sich Hans-Bertl lieber für den Menschen und gegen den Streit.

Sinngemäß konnte er sagen:

„Wir zwei werden uns sowieso wieder verstehen. Ich möchte keinen Streit in meinem Leben. Deshalb gehe ich jetzt aus dieser Situation heraus. Ich kann mich am besten selbst regulieren. Und wenn wir uns beide wieder beruhigt haben, können wir uns wieder in den Arm nehmen – und ganz bald bestimmt wieder zusammen tanzen.“

Diese Haltung sagt für mich sehr viel über ihn aus.

Hast Du mich unten links gefunden?

Jeder von uns kannte einen anderen Hans-Bertl

Ich kann nicht behaupten, Hans-Bertl als ganzen Menschen gekannt zu haben.

Ich habe ihn vor ungefähr 26 Jahren kennengelernt und durfte seitdem einen Teil seines Lebens miterleben.

Erst bei seiner Beerdigung und in den Gesprächen mit anderen Menschen wurde mir noch einmal bewusst, wie viele Seiten von Hans-Bertl es gab, von denen ich wenig oder gar nichts wusste.

Manche seiner langjährigen Freunde wussten beispielsweise nichts von seiner Schwester, andere nichts von seinem Bruder.

Und manchmal hat er sogar seinen eigenen Sohn vergessen. Wenn man ihn darauf ansprach, sagte er:

„Ich habe keinen Sohn.“

Auch das gehört zu den Seiten seines Lebens, die viele von uns nur bruchstückhaft kannten.

Und so frage auch ich mich:

Was hat Hans-Bertl mir nie erzählt?

Dieser Bericht beziehungsweise dieser Blogartikel ist deshalb nicht der Versuch, das ganze Leben von Hans-Bertl zu erzählen.

Ich kann nur von dem Hans-Bertl erzählen, den ich kennenlernen durfte.

Andere Menschen tragen andere Erinnerungen in sich. Und genau deshalb möchte ich diese Erinnerungen zusammentragen.

Es gibt verschiedene Videos mit Stimmen von Menschen, die Hans-Bertl auf ihre ganz persönliche Weise erlebt haben.

Wer nicht bei dem Gedenk-Tanz-Tee dabei sein kann, der heute stattfindet, kann sich diese Videos anschauen und Hans-Bertl dadurch vielleicht noch einmal aus ganz anderen Perspektiven kennenlernen.

Und diese Sammlung darf weiterwachsen.

Wenn ihr eine Geschichte, eine Anekdote, ein Foto oder ein Video von Hans-Bertl habt, dann schickt es mir gerne. Auch wenn ihr etwas anders in Erinnerung habt als ich oder etwas korrigieren möchtet, sagt es mir bitte.

Denn einige dieser Erinnerungen liegen inzwischen ungefähr 26 Jahre zurück.

Vielleicht entsteht erst nach und nach – aus all diesen Stimmen, Bildern und Geschichten – ein immer vollständigeres Bild dieses besonderen Menschen.

Eine Geschichte über Hans-Bertl, die nur wenige kennen

Und jetzt möchte ich euch etwas über Hans-Bertl erzählen, was nur wenige wissen, das aber zeigt, woher er kam und wie er sich entwickelt hat.

Vor ungefähr 26 Jahren kam Hans-Bertl in meinen Tango-Unterricht. Damals habe ich noch gemeinsam mit Judita Zapatero unterrichtet.

Seinen kurzen ersten Kontakt mit dem Tango hatte Hans-Bertl allerdings bereits bei Elias Monrose.

An dieser Stelle möchte ich Elias ausdrücklich danken und ihm meine Wertschätzung aussprechen.

Elias ist ein wichtiger Teil unserer Tango-Community. Und genau das liebe ich am Tango: Wir haben ganz unterschiedliche Lehrer, Tänzer, Persönlichkeiten und Ansätze – und trotzdem kann jeder auf seine Weise dazu beitragen, den Tango zu bereichern und zu befruchten.

Hans-Bertl erzählte mir, dass er keinen klassischen Tango suche.

Er hatte auf meiner Webseite einen Satz gelesen, der ihn beschäftigte:

Beim Tanzen kann man nicht lügen.

Als Hans-Bertl bei uns ankam, hatte ich selbstverständlich gleich eine Tanzpartnerin für ihn.

Doch er lehnte ab.

Er sagte sehr bestimmt:

„Ich bezahle den Kurs. Aber ich möchte nicht tanzen. Ich möchte nur zuschauen und mir das Ganze erst einmal angucken.“

Mein Prinzip war damals eigentlich ziemlich eindeutig:

Bei uns tanzen alle.

Aber in diesem Moment habe ich mein Prinzip verändert.

Ich habe mich auf Hans-Bertl eingestellt.

Denn ich spürte: Da sitzt ein besonderer Mensch. Und es gibt einen Grund dafür, dass dieser Mann nicht tanzen möchte.

Er wiederholte, dass er keinen klassischen Tango suche. Es war dieser Gedanke auf meiner Webseite, der ihn interessierte:

Der Tango lügt nicht.

In einem Gespräch können wir Ja sagen und Nein meinen.

Beim Tanzen funktioniert das nicht.

Ich kann mein Gewicht nicht auf das rechte Bein geben und gleichzeitig behaupten, ich stünde auf dem linken.

Der Körper kommuniziert.

Und gerade diese Kommunikation zwischen Mann und Frau wollte Hans-Bertl zunächst beobachten.

Also kam er weiter in den Unterricht.

Er saß da.

Er schaute zu.

Und irgendwann – nach mehreren Kursen – fragte er ganz vorsichtig, ob er am Ende einmal mit der Lehrerin einen Schritt ausprobieren dürfe.

Bei ihr, sagte er sinngemäß, könne er sicher sein, dass sie nichts von ihm wolle.

Spätestens da wurde mir klar, dass hinter seinem Verhalten mehr steckte.

Irgendwann setzte ich mich zu ihm und fragte ihn, was eigentlich passiert sei.

Und dann erzählte er mir seine Geschichte.

Ein Haus – und ein zerbrochenes Vertrauen

Hans-Bertl erzählte mir von seiner Frau und seinem Sohn.

Gemeinsam hatten sie über viele Jahre ein Haus gebaut.

Kurz bevor dieses Haus fertig war und eigentlich ein neuer gemeinsamer Lebensabschnitt beginnen sollte, sagte seine Frau zu ihm:

„Ich werde nicht mit einziehen.“

Das Haus musste verkauft werden.

Und die Beziehung zerbrach – nicht nur zu seiner Frau, sondern auch zu seinem Sohn.

Später erfuhr Hans-Bertl zudem, dass seine Frau bereits seit vielen Jahren eine Beziehung zu einem anderen Menschen gehabt hatte.

Das war ein dramatischer Einschnitt in seinem Leben.

Und plötzlich verstand ich etwas:

Bei diesem Mann, der in meinem Tangokurs zunächst einfach nur auf einem Stuhl sitzen und zuschauen wollte, ging es überhaupt nicht darum, ob er tanzen konnte.

Es ging um Vertrauen.

Um Nähe.

Um Mann und Frau.

Und um die Frage, ob man nach einer solchen Verletzung überhaupt noch einmal den Mut findet, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen.

Vielleicht war deshalb dieser eine kleine Tangoschritt für Hans-Bertl in Wirklichkeit ein ziemlich großer Schritt.

Aus dem Schüler wurde ein Freund

Wenn ich heute darauf zurückblicke, darf ich vielleicht auch ein kleines bisschen stolz darauf sein, dass seine ersten Momente mit dem Tango ganz behutsam auf seine damalige Situation abgestimmt waren.

Nicht, weil ich mir seine spätere Entwicklung zuschreiben möchte.

Ich bin einfach froh, dass wir ihn damals nicht verkrault haben.

Denn gerade in einer solch sensiblen Situation hätte ein unachtsamer Tangolehrer auch einiges kaputtmachen können.

Stattdessen geschah etwas Wunderbares:

Aus dem Mann, der zunächst überhaupt nicht tanzen wollte, wurde ein wunderbarer Tangotänzer.

Und irgendwann war Hans-Bertl längst kein Schüler mehr.

Er war ein Freund.

Als ich mich später selbst von Judita trennte, war plötzlich er für mich da.

Hans-Bertl gab mir einen väterlichen Rat nach dem anderen.

Dabei habe ich noch einmal eine andere Seite an ihm kennengelernt: seine Sanftheit, seine Überlegtheit und seine Fähigkeit, sehr genau darüber nachzudenken, welche Folgen es haben könnte, wenn wir auf einen anderen Menschen auf eine bestimmte Weise reagieren.

Vielleicht ist auch das Tango:

Wahrnehmen.

Zuhören.

Reagieren.

Nicht einfach über den anderen hinweggehen.

Sondern spüren, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht.

Buenos Aires – und die Entscheidung zu tanzen

Hans-Bertl liebte den Tango und reiste gerne.

Und wahrscheinlich führte ihn keine Reise häufiger nach Buenos Aires.

Auch dort zeigte sich etwas von seinem Optimismus und seinem Eigensinn.

Bei einem seiner ersten Aufenthalte wurde ihm sinngemäß gesagt, es sei für ihn eigentlich noch viel zu früh, in Buenos Aires Tango tanzen zu wollen.

Hans-Bertl hätte sich davon abschrecken lassen können.

Stattdessen war seine Reaktion eher:

Dann erst recht. Euch zum Trotz werde ich noch heute Abend tanzen.

Und er tat es.

Mit den Jahren entwickelte er seinen Tango immer weiter. Für mich hat er es geschafft, sich diesem traditionellen argentinischen Tango so weit anzunähern, dass man irgendwann sagen konnte:

Hans-Bertl tanzte wie ein Argentinier.

Ein Mann, der Menschen und Tangowelten verband

Hans-Bertl war nicht nur bei den Tänzerinnen ein geschätzter Tanzpartner.

Mindestens genauso besonders war seine Verbindung zu den Männern.

Ihm ging es nie darum, möglichst viele oder die besten Tänzerinnen für sich zu gewinnen.

Viel wichtiger waren ihm echte Freundschaften.

Er pflegte tiefe Verbindungen zu seinen Kumpels und war für viele ein guter Freund.

Wie man auch auf vielen Fotos sehen kann, war er mit ganz unterschiedlichen Menschen der Tangoszene verbunden.

Vielleicht war genau das einer der Gründe, warum er an so vielen Orten gleichermaßen gern gesehen war – im Tango Loft, im Tango Salon, bei Tango Pêle, im Tango Palace und an vielen weiteren Orten.

Mit Kostel vom Tango Palace verband ihn ebenfalls eine gute Freundschaft.

Hans-Bertl hat auf seine Weise etwas geschafft, was ich am Tango besonders liebe:

Er hat nicht getrennt.

Er hat verbunden.

Unterschiedliche Orte, unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Tango getanzt werden soll – und trotzdem gehörte er überall dazu.

Und sogar als DJ konnte Hans-Bertl einen ganzen Tangoabend mit seiner Musikauswahl und seiner Präsenz beeinflussen und prägen.

Ich hoffe sehr, dass viele dieser Menschen heute beim Gedenk-Tanz-Tee wieder zusammenkommen.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Arten, an ihn zu erinnern.

Sport, Reisen – und im Herzen ein Künstler

Hans-Bertl war aber noch viel mehr als Tango.

Er war Sport- und Berglehrer.

Und im Herzen war er sowieso ein Künstler.

Wie stark diese künstlerische Seite in ihm war, wurde beim Ausräumen seiner Wohnung noch einmal besonders deutlich.

Da waren so viele Dinge, bei denen man am liebsten gesagt hätte:

Das kann man doch nicht wegwerfen.

Hans-Bertl stellte beispielsweise selbst Puzzles her.

Er sägte die einzelnen Puzzleteile eigenhändig aus.

Und immer wieder setzte er Erlebnisse oder Gefühle in kleine Kunstwerke um.

Manchmal brachte er solche Arbeiten sogar mit in den Tango-Unterricht.

Zwei Federn und ein goldenes Band

Ein solches Kunstwerk ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Hans-Bertl hatte eine kleine Skulptur gebaut.

Darin waren zwei Federn – eine rote und eine weiße – mit einem goldenen Band miteinander verbunden.

Er hatte damit ein Gefühl, das er beim Tango erlebt hatte, in Kunst umgesetzt.

Für mich stehen diese beiden Federn heute auch für die Leichtigkeit, die das Leben haben kann, wenn wir unseren Blick auf die positiven Dinge richten.

Und das goldene Band steht für etwas besonders Wertvolles:

für die Verbindung zwischen zwei Menschen.

Der Tango wurde seine Familie

Hans-Bertl hat erlebt, wie Vertrauen zerbrechen kann.

Aber er ist durch diesen Schmerz hindurchgegangen.

Er hat wieder getanzt.

Er ist gereist.

Er hat gefeiert.

Er hat Kunst geschaffen.

Er hat Freundschaften gepflegt.

Und er hat das Leben genossen.

Aus dem Mann, der beim ersten Tangokurs nur auf seinem Stuhl sitzen und zuschauen wollte, wurde ein Mann, mit dem später wahrscheinlich jede Frau auf einem Tanzabend gerne getanzt hätte.

Und wer sein Schmunzeln und dieses Funkeln in seinen Augen kannte, konnte sich wahrscheinlich vorstellen, dass ihm das durchaus gefallen hat.

Aber fast noch wichtiger:

Der Tango wurde für Hans-Bertl irgendwann auch ein Stück Familie.

Hier fand er Menschen, die ihn annahmen.

Hier erlebte er Anerkennung und Wertschätzung.

Hier waren seine Tänzerinnen.

Hier waren seine Kumpels.

Hier waren Freunde.

Hier konnte er feiern, lachen, Musik machen und tanzen.

Vielleicht fand er hier etwas Neues, nachdem in seinem früheren Leben so viel zerbrochen war.

Eine neue Nähe.

Neues Vertrauen.

Neue Freundschaften.

Eine neue Familie.

Und wieder Lebensfreude.

Was Hans-Bertls Geschichte auch mit meiner Arbeit zu tun hat

Hans-Bertls Geschichte hat mir noch einmal gezeigt, dass Tango weit mehr sein kann als Musik, Schritte und Figuren.

Tango kann auch Persönlichkeitsentwicklung sein.

Wir lernen Nähe und Distanz.

Wir lernen Vertrauen.

Wir lernen, die Körpersprache eines anderen Menschen wahrzunehmen.

Und wir lernen etwas über uns selbst.

Gerade als Transformationscoach lerne auch ich durch solche Lebensgeschichten immer wieder dazu.

Begegnungen mit Menschen wie Hans-Bertl haben mich auch zu der Arbeitsweise geführt, mit der ich heute wiederum andere Menschen begleiten und unterstützen kann.

Denn Tango kann einen Raum schaffen, in dem wieder Vertrauen entstehen und etwas in einem Menschen heilen darf.

Hans-Bertls Weg hat mir gezeigt, dass selbst nach tiefen Verletzungen wieder Nähe möglich werden kann.

Dass aus einem tiefen Schmerz wieder Freude entstehen kann.

Und dass ein Mensch wieder mitten ins Leben zurückfinden kann.

Wir tanzen weiter

Vielleicht ist genau das etwas, das Hans-Bertl uns hinterlässt.

Nicht die Aufforderung, traurig stehen zu bleiben.

Sondern weiterzugehen.

Weiter miteinander zu feiern.

Weiter Freundschaften zu pflegen.

Weiter aufeinander zu achten.

Und natürlich:

weiter zu tanzen.

Vielleicht ein kleines bisschen bewusster.

Vielleicht ein kleines bisschen feiner miteinander.

Und vielleicht können wir alle zusammen sogar ein kleines bisschen besser tanzen.

Nicht nur technisch.

Sondern besser miteinander.

Damit Hans-Bertl bei jedem Tanz, bei jeder Umarmung, in unseren Freundschaften und in diesen feinen Verbindungen zwischen Menschen immer ein Stück zwischen uns bleibt.

Und wenn wir uns daran erinnern, wie ein Mann, der vor 26 Jahren zunächst nur auf einem Stuhl sitzen und zuschauen wollte, schließlich eine ganze Tangowelt für sich erobert, Freunde gefunden, Menschen verbunden, Musik aufgelegt, Kunst geschaffen, gefeiert und das Leben genossen hat, dann ist das vielleicht auch eine wunderbare Erinnerung daran, was Veränderung bedeuten kann.

Lieber Hans-Bertl – das goldene Band bleibt.


Die Trauerrede hat Josef Önder gehalten, dann hat Rudi Dörrich etwas gesagt und sein Bundeswehrfreund heißt Sautner, Vorname fällt mir gerade nicht ein. Das Tanzpaar sind Anja und Mike. Bis später. 😍

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